Osterhasen in Bludenz

 

Aktuell aus dem letzten Buch "Bläid gloffn!"

Seniorndellerla

 

Wennsd aweng älder wärsd, suu wäi ich, suu ab sechzgg hald, nacherdla ghärsd aa zu di Seniorn. Suu wäi iich! Dou erlebsd erschd Dinger, däs soochider! Bini neili in iirchärdanner Wärdschafd gween! Hobbi aweng zoughorchd. Machdmer ned! Hobbi droddsdem gmachd! Sorry!“

 

Kummd di Bedienung und froochd aweng an äldern Moh, alsu an wäi miich: „Grüß Gott der Herr, wos därfsnern nacherdla sei bei Ihna!“

Iich hädd gern an Schweinebroadn, abber blouß an glann Seniorndeller. Iich bagg nämli nämmer mehr! Gibbds däs bei Ihna aa, a glanns Seniorndellerla?“

Nu fraali, där Herr! Gäihd gloar, an Seniorn-Deller midd anner glanner Borddsion Schweinebroadn! Kummd sufford!“

Und dann bringdsnern doodsächli ball draff a halbe Borddsion Schweinebroadn.

Und däs sull a Seniorndellerla sei? Allmächd, däs is ja immer nu su vüll! Däs baggi ned! Wäi grouß isnern nacherdla erschd di normoole Borddsion? Wenni däs gwissd hädd, häddmer a halbe Borddsion vo däm Seniorndellerla a greichd! No, is näxde Mool wassis! Machd nix, nou baggnsmer hald in Resd nacherdla ei!“

Di Kellneri niggd: „Däs gäihd scho gloar!“

Und nacherdla, nachn Schbachdln, alles hodder wechghaud wäi nix, dän ganzn Seniorndeller, hodder si a Seniornschnäbbsla bschdelld!

Iich hädd gern an Himbeergeisd, abber a Seniorenschnäbbsla!“

Gäihd scho gloar!“, hodd di Bedienung gsachd und dabei glachd.

Und wos glabbsd, wossnern brachd hodd? Wos hoddern gräichd als Seniornschnäbbsla?

An dobbldn Himbeergeisd!

 

Suu a Irrsinn

 

Ghäärd bei am Hyundai-Händler:

Verkäufer: „Sämmer uns also eini? Sie nehma dän neia Hyundai-Tucson, su wäi grood beschbrochn. Midd Banoramadach, Allroadoohndrieb, Audomoodig, Oohnhängerkubblung und an Sadds Gradis-Kombledd-Winderräder. Dou kummd nacherdla hald blouß nu di Frachd vo 873€ dazou!“

Käufer: „Ach suu, däs aanu! An di Frachd hobbi iiberhabdds ned denggd! Koomer däi ned wechlassn?“

Verkäufer (schnaufd sachde): „Naa, däs koomer leider ned!“

Käufer: „Ned?“

Verkäufer: „Naa, däs is suu gseddsli vuurgschriiem. Däs Foahrzeich mou doch aa irchärdwäi zu uns douher kumma! Däs nenndmer Frachd odder aa Iiberführung! Und däs kosd hald suvüll!“

Käufer: „Iiberführung? Gibbds däs ned blouß bei Beerdichunga?

Verkäufer (schon etwas genervt): Naa, däs hassd aa bei di Audos asuu! Frachd odder Iiberführung!“

Käufer: „Abber mei neis Audo mou doch nämmer exdra iiberführd wärn, däs is doch scho iiberführd woarn und schdäihd doch scho dou draußn aff eierm Barggbladds rum! Däs is doch scho dou, däs mou doch nämmer exdra douher brachd wärn! Däs mou doch kanner mehr zoahln!“

Verkäufer: „Abber es hodd doch irchärdwäi herkumma mäin. Und däs hodd wos kosd. Und däs is di Frachd.“

Käufer: „Däi gäihd doch miich nix mehr ooh!“

Verkäufer (etwas weniger freundlich als vorher): „Doch, däs is, wäi grood scho gsachd, gseddsli greegld. Där Käufer mou di Frachd zoahln!“ Käufer: „Wos kosds edds numool, di Frachd? Wos homms gsachd, 378€?“

Verkäufer (gute Laune sieht jetzt anders aus): „873€“

Käufer: „Su vüll, glei! Däs häddi ned denggd! Koomer däs ned umgäih?“

Verkäufer (schnauft sehr genervt): „Naa, däs koomer leider ned umgäih! Däs dääd ja sunsd aa a jäider umgäih wolln!“

Käufer: „Di andern sämmer eicherdli worschd! Miär gäihds blouß um mei eichne Frachd! Nou zäihngmers hald nu noochdräächli vum Kaufbreis ooh, di Frachd! Nou hommers widder herin!“

Verkäufer (jetzt genervt halb hochdeutsch): „Naa, däs machmer ned! Wir sind Ihnen doch schon so entgegengekommen, miär känna nix mehr noochlassn!“

Käufer: „Und wenninern selbär am Werk abhulln dääd? Kosderds nacherdla aa a Frachd?“

Verkäufer (jetzt laut lachend): „Däs känners gern brobiern! Aaf gäihds nach Südkorea!“

 

Ich verließ jetzt ebenfalls laut lachend das Geschäft.

 

 

 

 

 

Aus meinem 1. Buch "Wer fährt hier schwarz?"

 

 

 

 

aus meinem ersten Buch "Wer fährt hier schwarz?"

(27 humorvolle , selbstsatirische Kurzgeschichten autobiographischer Art in Neuauflage)

 
 

Die Batterie


 

Bei meinem ersten Aufenthalt in Steinhaus – oder Cadipietra – muss ich ungefähr 16 Jahre alt gewesen sein. Cadipietra liegt eigentlich eher abgele- gen im Ahrntal, einem Seitental des Pustertales, und am Ende des Tales hört der Weg einfach auf. Ende der Fahrstrecke: Wanderwege.

Wolfgang, Edi und ich machten damals die Skipisten rund um den Klaus- berg unsicher. Abends saßen wir für gewöhnlich in der alten Dorfschänke in der Ortsmitte und tranken dort genüsslich ein bis zwei Bierchen. Ein Einheimischer war stets zugegen und dieser alte, weißbärtige Mann be- herrschte ein seltsames Handwerk:

Gegen Entgeld verzehrte er seine Schnäpse stets mitsamt des Glases. Ich höre heute noch das Knirschen der Splitter, als er mit seinen Zähnen hineinbiss, nachdem er den Schnaps hinuntergeschüttet hatte. Er biss hinein, als handelte es sich um ein Stückchen altes, hartes Brot und vom Glas und vom Schnaps blieb nichts mehr übrig!

Noch heute erinnere ich mich an unsere Unterhaltungen an dem runden Holztisch, wie wir uns ernsthaft Gedanken über Speiseröhre und Magen- wände des Alten gemacht hatten.

Viele Jahre später, Agi und ich waren längst schon verheiratet und hatten auch bereits unsere beiden Kinder, Christina und Kerstin, zog es uns nach den überstandenen Schwangerschaften und den ersten Aufzuchtsjahren wieder einmal nach Italien. Unseren damaligen VW-Bus hatten wir schön ausgebaut, mit Klappbetten von Futura, Staukästen und sogar mit einem kleinen Kühlschrank vom Trempelmarkt. Diesen Kühlschrank konnte man durch Einstecken in eine extra eingebaute Steckbuchse problemlos zuschalten.

Zunächst blieben wir eine Woche auf dem Campingplatz Steiner in Leifers, ehe wir wieder nach Norden aufbrachen: Ich wollte Steinhaus und das Ahrntal wiedersehen.

Dort hatten wir eine Ferienwohnung im Appartementhaus „Am Klausberg“ gebucht, direkt am Fuße des Hausberges. Eine Riesenwohnanlage aus Beton erwartete uns und wir waren zunächst doch etwas enttäuscht, denn in dieser Betonwüste blieb jeder Gast anonym für sich: Keiner kannte keinen!

Wir unternahmen zahlreiche Wanderungen mit aufregenden Erlebnissen: Wildgewordene Kühe und Schafe verfolgten uns, aber dies ist eine eigene Geschichte.

An einem dieser Urlaubstage kamen wir müde und erschöpft von einem Ausflug nach Bruneck heim. Dort waren wir durch die schönen Gassen der Fußgängerzone geschlendert. Vom Dom gelangte man über einen Hügel hinauf zum Heldenfriedhof: Beklemmend. In jedem Fall waren wir ziem- lich ausgelaugt, als wir den VW-Bus schließlich auf dem Parkplatz vor der Betonwüste abstellten. Wir entluden das Fahrzeug und mitdenkend zog ich zum Schluss eigenhändig den Stecker des Kühlschrankes aus der Buchse. „Damit die Batterie nicht leer wird“, erklärte ich gutgelaunt, „sonst ist der Saft alle!“

Anschließend zogen wir uns in die Betonwüste zurück, um den Tag ausklingen zu lassen. Am nächsten Morgen stand ein weiterer Ausflug auf dem Programm und ich wollte den Bus starten. Der Anlasser orgelte am nächsten Morgen zwar recht ausdauernd, aber nichts geschah. Kein Zucken des Motors, kein Anspringen, nur der durchdrehende Anlasser – sonst nichts!

Argwöhnisch inspizierte ich das Innenleben des Motors so, als ob ich mich ernsthaft auskennen würde. Ich konnte nichts Verdächtiges entdecken, die Lichtmaschine befand sich ordnungsgemäß an ihrem Platz und der Keil- riemen war gespannt. Motor und Batterie waren ebenfalls vorhanden.

Das muss die Batterie sein, wir haben keinen Strom mehr! Hat jemand von euch vielleicht über Nacht ein Licht brennen lassen?“, fragte ich misstrauisch.

Alle schüttelten energisch den Kopf. Mitnichten. Ich kontrollierte daraufhin argwöhnisch den Innenraum. Sofort fand ich des Rätsels Lösung: Die Kühlbox! Der Stecker steckte verbotener Weise in der Buchse! Entsetzt blickte ich alle an: „Wer hat den Stecker wieder hineingesteckt? Ich hatte ihn doch extra abgezogen!“

Keine Antwort! Nun, die Sachlage war klar und eindeutig. Der Kühl- schrank hatte die ganze Nacht fleißig vor sich hingetuckert, solange bis er die Autobatterie leergesaugt hatte.

So ein Mist! Die Batterie ist leer!“, hörte ich mich fluchen. „Wir müssen schieben!“

Das probierten wir sofort, aber es ging bergauf. Wir mühten uns redlich, aber vergeblich. Zu zweit den Berg hinauf – wir hatten nicht den Hauch einer Chance. Hilfesuchend blickte ich mich um. Keiner in Sicht, der uns helfen konnte. In dieser Betonwüste hatten wir mit noch keiner Menschen- seele ein Wort gewechselt und nun einfach schellen? Nein – lieber nicht! So dachte ich wohl zunächst. Ich probierte es trotzdem und klingelte munter drauflos, doch nirgendwo öffnete jemand auch nur einen Spalt breit.

Vielleicht kann uns ja ein Bauer überbrücken“, kam mir eine neue Idee.

Ringsherum standen diese alten Südtiroler Bergbauernhöfe und dort musste es einfach Hilfe geben.

So stapfte ich zum nächsten Hof und klopfte an der Holztüre. Ein alter Mann öffnete mir. Ich schilderte höflich mein Problem und bat ihn, mir beim Anschieben behilflich zu sein oder mich mit einem Starterkabel zu überbrücken. Ich erhielt keine Antwort, nur ein Kopfschütteln. Und zu war die Tür! An der Verständigung konnte es nicht gelegen haben, denn in Südtirol ist deutsch bekanntlich ja sogar Amtssprache. Etwas frustriert und genervt zog ich weiter zum nächsten Hof und erzählte dort meine Geschichte. Erneut erntete ich nur ein stummes Kopfschütteln. So erging es mir noch bei zwei weiteren Höfen und mir war eigentlich längst klar geworden, dass mir hier kein Einheimischer helfen würde. Ich wurde wütend und lief zurück. Agi wusste auch keinen Rat, was relativ selten ist.„Wir müssen die Batterie ausbauen und zum Laden bringen! Hoffentlich gibt es hier eine Werkstatt im Ort!“, überlegte ich laut.

Wir marschierten zu meiner Schänke aus der Vergangenheit, um uns dort diesbezüglich zu erkundigen. Der alte Mann saß in jedem Fall nicht mehr vor seinem Schnapsglas und Splitter sah ich auch keine mehr. Dafür erhielt ich die Auskunft, dass die nächste Werkstatt weiter unten im Ahrntal, genauer gesagt in der Ortschaft St. Johann (S. Giovanni), wäre.

Na prima, dann musst du auch noch mit dem Postbus fahren!“, dachte ich verärgert.

Wir liefen zurück zur Betonwüste, ich baute murrend die Batterie aus und verpackte sie in eine Plastiktüte. Muss ja nicht gleich jeder sehen!

Mann, ist die schwer“, dachte ich mir, als ich sie so zur Bushaltestelle schleppte. Gegen 11.00 Uhr kam er angeschippert, der Postbus, und er- leichtert stiegen wir vorne ein, meine Batterie und ich, um beim Fahrer gehorsam eine Fahrkarte zu lösen. Doch dieser runzelte plötzlich die Stirn.

Was haben Sie in der Tüte?“, wollte er wissen und betrachtete mich dabei recht argwöhnisch, wohl, weil ich meine Last recht steif mit den Händen weit von mir weg hielt.

Ach, nur eine leere Autobatterie, die muss ich zum Laden nach St. Johann bringen! Geben Sie mir eine Fahrkarte, bitte!“, erklärte ich dienstbeflissen. Wie froh war ich, endlich befördert zu werden, damit sich mein Problem lösen würde. Im Geiste lief bereits alles wie geschmiert reibungslos ab: Bis 12.00 Uhr Batterie abliefern, dann mit dem Bus zurück, danach mit der Familie eine ausgiebige Wandertour auf den Klausberg, in der Sonne ein Gläschen Rotwein. Abends würde ich dann die geladene Batterie abholen – fertig ! So einfach hatte ich mir das ausgemalt, doch leider fehlte mir der Weitblick. Die Reaktion und die Antwort des Fahrers rissen mich aus allen Träumen: Er drückte auf einen Knopf, die Klapptür des Busses öffnete sich daraufhin schnaubend und er blickte mich streng und unmissverständlich an: „Sofort ´raus hier aus meinem Bus! Es ist in ganz Italien verboten, Batterien in öffentlichen Verkehrsmitteln zu befördern! ´Raus!“

Und er wies mit seinem Zeigefinger eindeutig auf die offene Türe.

Aber ich ...“, setzte ich zur Rechtfertigung an, aber er ließ mich gar nicht zu Ende argumentieren.

Raus – und zwar sofort, subito – pronto!“ Jetzt war er doch in den italieni- schen Dialekt gefallen. Ich gehorchte widerstandslos, aber doch eher wider- willig, und Steinhaus hatte uns wieder, mich und meine leere Batterie. Hübsch verpackt war sie ja in ihrer Plastiktüte. Die Bustür schloss sich und weg war er. Ich starrte ratlos auf mein Gepäckstück und verweilte längere Zeit darüber sinnierend, was nun zu tun wäre. In mir reifte ein Gedanke!

Dann musst du die Batterie eben nach St.Giovanni schleppen!“, entfuhr es mir.

So begann ich loszumarschieren, abwärts ins Tal, immer der Bergstraße entlang. Und wie sie in den Armen zog, die Batterie. Mit jedem Schritt wurde sie schwerer und schwerer und ich verwünschte dabei die Kühlbox, den Bus und die Kinder. Wer von den beiden hatte bloß den Stecker wieder hineingesteckt?

Und die Strecke zog sich. An mir rauschten die Fahrzeuge vorbei und keines hielt an, um mich zu fragen, ob ich nicht mitfahren wollte. An Trampen war ja nach der Geschichte mit dem Postbus sowieso nicht zu denken. Also tapfer abwärts, Schritt um Schritt, Meter um Meter, Kilometer um Kilometer.

Ich erinnere mich nicht mehr an alle Flüche und Verwünschungen, die ich dabei ausgestoßen habe. Es waren ungefähr vier Kilometer und ich brauch- te dafür eine halbe Ewigkeit. Trotzdem erreichten wir, ich und meine Batte- rie, gemeinsam irgendwann das Ortsschild „St. Johann – (San Giovanni)“. Wild entschlossen suchte ich sofort nach der Werkstatt und fand sie glatt. Welche Ernüchterung: Mittagsruhe – Siesta – geschlossen! Wer schon in Italien war, weiß, dass dann gar nichts mehr geht.

Ich läutete trotzdem und aus dem Haus drangen auch Geräusche, aber niemand öffnete. Ich klingelte energischer, doch erfolglos. Pech gehabt, da stand ich nun mit der Batterie. Ich hatte mich zu gedulden bis die Werkstatt am Nachmittag erneut öffnen würde und so setzte ich mich auf eine Parkbank und wartete und wartete. Der schöne Urlaubstag verstrich. Endlich 15.30 Uhr. Ich konnte bei der Werkstatt vorsprechen und siehe da, es lief plötzlich alles ganz glatt. Der Werkstattbesitzer nahm sie ohne Murren in Empfang und versprach, sie bis zum nächsten Morgen aufzu- laden. Ich war beruhigt und glücklich zugleich.

Um noch etwas von der verlorengegangenen Zeit einzuholen, suchte ich mir für den Heimweg einen Wanderweg, den ich dann vier Kilometer auf- wärts nach Steinhaus zurückjoggte. Der Rest des Tages verlief ohne Zwi- schenfälle und am nächsten Morgen stand ich gutgelaunt und frühzeitig auf, um meine Batterie abzuholen. Den Postbus wollte ich aus verständ- lichen Gründen allerdings nicht mehr benutzen. Prinzip ist eben Prinzip und so joggte ich wieder hinunter ins Tal. In St. Giovanni nahm ich meine frisch geladene Batterie in Empfang. Den Rest können Sie sich sicherlich denken:

Ich verpackte sie wieder in ihre Plastiktüte und trug sie auf Händen wieder die vier Kilometer heimwärts – nur, dass es diesmal noch bergauf ging. Unterwegs trafen mich die zahlreichen verwunderten Blicke der mir entge- genkommenden Wanderer, die sich innerlich wohl fragten, warum dieser so schwer schnaufende Mensch eine Einkaufstüte mit ausgestreckten Armen und Händen mühevoll bergauf schleppte.

Sicherlich hätten alle gerne gewusst, welchen Schatz ich im Inneren der Tüte verborgen hielt, und für alle, die mir damals begegnet sind, lüfte ich heute das Geheimnis:

Es war kein Goldbarren sondern eine alte, aufgeladene Autobatterie!

Noch heute, viele Jahre später, erinnere ich mich noch ganz genau an den alten Mann in der Schänke, an die spontane Hilfsbereitschaft der Bergbau- ern und an den Zustand meiner Arme und Hände am Ende des Aufstieges hinauf nach Cadipietra.

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"Ein todsicherer Plan" (Gardaseekrimi,110 Seiten)

Roberto und Cenophilo blinzelten und prosteten sich beim zweiten Glas Prosecco wissend zu: „Salute, il mio caro amico!“ Hoch oben, über dem Gardasee, saßen sie in der kleinen Caffébar „Al Amico“, hoch droben in dem schmucken Ort Polpenazze. Städtchen und gleichnamige Gemeinde, um genauer zu sein. Das „Municipio“ mit Blumenkästen bunt geschmückt: lila – blauer Lavendel. Lavendelduft auf der „Piazzale Roma“. Die langen Zeiger der Campanile-Turmuhr, vom zugehörigen Dom „Santa Maria Bambini“ nur einen Katzensprung und eine Windbrise entfernt, hatten tagsüber ausreichend Gelegenheit gehabt, Schatten zu werfen. Es war heiß gewesen, den ganzen Tag über brütende Hitze, sengend heißes Kopfsteinpflaster. Jetzt atmete es sich leichter, ein sanfter Wind wehte über die Piazza.

Roberto und Cenophilo allerdings stammten aus einer anderen Gegend, aus Botticino, einer kleinen Ortschaft in der Nähe Brescias. Dort unterhielten die beiden, Freunde und Geschäftspartner übrigens, pro forma eine kleine Landwirtschaft. Pro forma Rüben und Kartoffeln, denn ihren Lebensunterhalt sicherten sich die beiden bereits seit mehreren Jahren recht erfolgreich mit Trickbetrügereien. Zunächst hatte es sich dabei doch eher um kleinere Delikte gehandelt, inzwischen standen jedoch bereits mittelschwere, ja teilweise sogar schwere Raubdelikte entlang des Westufers zu Buche: Von Desenzano, über Padenghe, Moniga, Manerba, San Felice del Benaco, den Golf von Saló bis hinauf nach Maderno, Toscolano, Gargnano und Limone erstreckte sich ihr Arbeitsgebiet mittlerweile. Ihre Diebstähle verliefen stets unterschiedlich, allerdings doch regelmäßig, sie gaben den Polizeistationen Rätsel auf, wussten die „Carabinieri“ noch nicht einmal sicher, ob es sich bei den gemeldeten Raubzügen immer um ein und dieselben Täter handelte. Keine der verübten Taten wies ein eindeutig gleiches Strickmuster auf, weil Roberto und Cenophilo einfallsreich an Ideen waren – aus diesem Grunde wechselten sie jeweils die Strategie, die Art des Diebstahls, Handlungsorte sowie den Ablaufplan. Der erfolgreich verlaufene Diebstahl einer brillantbesetzten Goldkette vom Handgelenk eines reichen Briten auf dem Fährschiff „Toscolano“, welches täglich mehrere Male dröhnend zwischen ebensolchem Ort und Torri del Benaco am Ostufer verkehrt, würde für längere Zeit der einzige dieser Art bleiben – es gab genug andere Einsatzorte. Dieser Coup lag allerdings bereits mehrere Wochen zurück. Vermutungen, offene Fragen auf Seiten der „Carabinieri“, blieben zurück – mehr nicht. Handelte es sich um organisiertes Bandentum oder um das Werk einzelner Täter?

Roberto und Cenophilo unterhielten sich leise im Innenhof der kleinen Caffébar – sie waren nicht die einzigen Gäste, die den Abend hier begonnen hatten. Einheimische Arbeiter und Pensionäre gaben sich ein Stelldichein am Tresen, „Chiaretto“- trinkend, draußen rauchend, leidlich zufrieden und redselig. Wie immer – wie jeden Abend. Stimmengewirr. Gespräche über „Milan“, die „Tivosi“, die „squadra azzurra“  . Die „pensionati“ intonierten im Inneren der Bar „Adriano-Celentano-Lieder.“Roberto und Cenophilo summten beide mit, so wie das die meisten ihrer Landsleute gemacht hätten. Rot karierte Tischdecken – hübsch anzusehen. Einladend mediterran: mehrere Limonen- und Mandarinenbäumchen in Terrakotta–Töpfen, Olivenbäumchen, zwei Zypressen in Holzbottichen sowie Jasminsträußchen an den Tischen verbreiteten frischen, leicht süßlichen Duft, sobald eine leichte Gardaseebrise diesen verstreute. Lucia, die Wirtin, brachte den beiden soeben die bestellte Flasche „Bottarelli-Lugana“, gut gekühlt, und dazu langstielige, dünnwandige Weißweingläser. Da sie die beiden Gäste nicht kannte, versuchte sie mit ihnen ins Gespräch zu gelangen, fragte höflich nach deren Herkunft, ob sie gar italienische Touristen seien, die sich hierher in den Süden Münchens „ Il sud di Monaco di Baviera“ verirrt hätten. Die Wirtin lachte über ihren eigenen Witz.

Roberto schüttelte verneinend den Kopf und gab sich den venezianischen Akzent: „Wir sind auf der Durchreise, Geschäfte in Saló. Die Modebranche.“ Das wirkte sicherlich glaubhaft, denn die beiden waren sichtlich gut gekleidet. Die Lederschuhe, wie bei wohlhabenden Italienern üblich, sauber geputzt, darunter dunkle Socken – niemals Tennissocken. „Das ist Luigi und ich bin Salvatore. Salvatore und Luigi Marini – Mode für die Signorini. Unser Geschäftsspruch. Siamo amici”, bemerkte Roberto kurz und bündig. Damit war der Dialog beendet und Lucia vermeldete in der „cucina“, dass die beiden Venezianer nicht gerade redselig seien. Sie schüttelte den Kopf ob des Alkoholgenusses: „Prosecco“, „Lugana“, vorher ein „Caffé Corretto“. Zu viel für den Straßenverkehr – eigentlich. Das wussten auch Cenophilo und Roberto. Aber keiner würde ihnen „la patenta“ streitig machen, denn nach Botticino führte lediglich eine kleine Landstraße hinüber über die Hügelkette – und auf dieser gab es keine Kontrollen. So lange man nicht in einen Unfall verwickelt wird, bleibt man unbehelligt wegen des Alkoholgenusses. So ist es in ihrem Heimatland Sitte. Ein ungeschriebenes Gesetz.

_____

Es war genau vor einer Woche, am letzten Mittwoch, gewesen. Sie hatten ihren Fiat Brava bei „Angelo“ an der Tankstelle in Manerba aufgetankt, dabei die deutsche Gardaseezeitung gratis in Empfang genommen, und Cenophilo hatte gerade den Tankdeckel verschlossen, da erschien in eben dieser Tankstelle ein etwas dicklicher älterer Deutscher – bedrucktes T-Shirt, karierte Shorts, Sandalen, Tennissocken – und erkundigte sich bei Angelo nach der „Rimessagio Fratelli“ in San Felice. Giuseppe Fratelli. Angelo fuhr sich unschlüssig um´ s Kinn und erklärte dem Mann den Weg nach dorthin,... „immer der Uferstraße entlang, an Pieve Vecchia vorbei, dort sehen Sie eine einzigartige alte Kirche, bella vista, Sie sollten anhalten und eintreten!“ „Dafür habe ich leider keine Zeit, ich muss möglichst schnell nach Hause und vorher „la roulotte“ einmieten“, erwiderte der Deutsche in fließendem italienisch. Dabei deutete er hinüber auf seinen doppelachsigen Wohnwagen, den er samt der Zugmaschine, einem Jeep Cherokee, einfach auf der Straße gegenüber geparkt hatte, so als ob ebensolche ihm alleine gehören würde. Die eingeschaltete Warnblinkanlage vertröstete offensichtlich die Fahrer der nachfolgenden Fahrzeuge, die sich hinten anreihten. Noch kein Hupkonzert. Angelo beschrieb den Weg gestikulierend, musste aber einräumen, dass er die „Rimessagio Fratelli“ selbst nicht kannte.

„Penso che sarebbe meglio di chiedere a San Felice!“, gab er zu verstehen, worauf sich der Deutsche artig mit einem „Grazie signore“ bedankte, die Straße überquerte und in seinen Jeep einstieg. Er hatte verstanden, dass er sich dort nochmals erkundigen müsse. Cenophilo saß bereits im Brava, aber Roberto hatte das Gespräch mitangehört und reagierte schnell. Er hastete hinüber zum Jeep, noch ehe der Deutsche dessen Motor gestartet hatte, stellte sich neben das heruntergelassene Fenster auf der Fahrerseite und redete höflich und in gebrochenem deutsch hinein: „Scusa, signore e signora.” Er hatte die Frau auf dem Beifahrersitz bemerkt. „Wir haben Ihr Gespräch zufällig mitangehört. Wir sind die Söhne des alten Fratelli aus San Felice. Unserem Vater gehört die „Rimessagio“. Wie lange möchten Sie den Wohnwagen denn einstellen?“

„Nur für zwei Wochen. Ich muss dringend nach Hause. Geschäftlich. Mein Chef hat angerufen.“

Si, ma non ci sarano problemi per noi. Normalerweise muss man den Stellplatz aber für ein ganzes Jahr anmieten. Das macht dann 350 Euro. Wir machen eine Ausnahme. Für zwei Wochen verlangen wir nur 70 Euro. Wenn Sie uns folgen, bringen wir Sie direkt zum Geschäft unseres Vaters. Wir sind übrigens Salvatore und Luigi Fratelli, seine Söhne.“

Schnell hatte er die zwei Vornamen erfunden – ein Fehler, wie er meinte, sie voreilig bekannt gegeben zu haben.

Der Deutsche willigte ein.

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 Am darauffolgenden Samstag, also vor vier Tagen – und drei Tage nach der Begegnung an der Tankstelle bei „Angelo“ – waren Raimund und Gudrun Fischer früh aufgestanden und saßen inzwischen gemütlich beim Frühstück. Maxim und Robin, ihre beiden Söhne, schliefen noch in den blauen Kuppelzelten. Raimund und Gudrun genossen die Ruhe am Campingplatz „La Rocca“. Sie waren früh dran und konnten – oder mussten – so mit ansehen, wie einer der Nachbarn nach dem anderen, bewaffnet mit einem Waschbeutel und anderen Utensilien, aus den umliegenden Wohnwagen herauskrabbelte, zum Teil doch noch recht verschlafen. Man kennt sich gut hier, viele vertraute Stimmen, Gespräche und abendliche Sessions haben ein Stück an Freundschaft aufgebaut: Klausi und Gabi mit ihren Kindern Martina, Andi und Maxi, Gustav und Agi mit Kerstin, Kevin und Christina, Moni und Manfred mit Michael und Martin, Hermann und Angelika, Rudi und Angelika mit ihren drei Söhnen, Gudrun und Raimund mit Robin und Maxim. Und Hans – der Schachspieler.Raimund hatte beschlossen zu seiner „Roma“ zu laufen, durch das Tunnel, hinab zum See, dorthin, wo seine Motorjacht wohl friedlich schaukeln würde, festgezurrt an der Boje. Schon von oben sah er sie in der Bucht liegen. Weißer Corpus, blaue Abdeckung. Raimund schlenderte gemächlich und fröhlich hinab zum See, ohne seinen Blick vom Gewässer abzuwenden, zu intensiv nahm er die Eindrücke wahr. Sein Blick schweifte über die Bucht mit dem Kiesstrand, hinüber nach San Felice, zur „Isola di Garda“, zurück zur kleinen vorgelagerten Insel „San Biagio“, zu der man auch watend gelangen kann. Sein Blick streifte die „Roma“, die geruhsam an der roten Boje hing. Gegenüber die Gebirgszüge im Morgenlicht: der Monte Pizzocolo, der Monte Forametto, der Monte Tre Cornelli. Raimund erreichte die Biegung des Weges und roch die Kräuter. Melisse? Seine gute Laune zerfiel urplötzlich, denn er stand vor der losen Kette. Abgezwickt. Und an dieser hätte eigentlich sein weißes Beiboot samt Außenbordmotor hängen sollen. Tat es aber nicht ...

 

aus: "Ein todsicherer Plan", Neuauflage ohne weitere Geschichten und Gedichte,

authentischer Gardaseekrimi, 110 Seiten, jetzt Eigenverlag, 9,50€


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 Textauszug: Beginn des Romans:

Dienstag,14. Oktober .

Drei Mädchen und ein Name

Erstes Herbstlaub bedeckte die Rasenfläche teilweise. Dieser kleine Ahorn- und Buchenteppich, gleichermaßen bunt wie zufällig zusammengeflickt, wurde aufgelockert durch gebuchtete, geschwungene Eichenblätter. Vorboten, nichts weiter, nur Vorboten auf rauere Tage bei heißem Tee und Plätzchen. Die drei Mädchen blickten sich stumm an und seufzten ein wenig. Die Ereignisse der Monate Mai, Juni und Juli desselben Jahres – fest verankert in ihren Gedächtnissen – wirkten bedrückend gegenwärtig auf ihr Gemüt ein. Vor allem die schrecklichen Geschehnisse am 14. Juni, Theas 17. Geburtstag. Ihre traurigen Blicke wanderten nach rechts, dorthin, wo sie hinter den Büschen die Begrenzung des Schwabacher Parkbades ausmachen konnten. Die sich nahtlos an diese Ereignisse anschließenden, schöneren, weil unbeschwerten Sommertage, die bis Anfang September angehalten hatten, waren nun wie weggeblasen: Die vergnüglichen Rutschpartien und Händchen halten waren für Carolin und Thea abrupt zu Ende gegangen. Und für Kristine? Na ja, Kristine hatte einen großen Teil dazu beigetragen.

Ihre „Sechser-Clique“ mit Martin, Tobias und Rainer hatte sich urplötzlich in Luft aufgelöst, war verschwunden, neutralisiert, der Verbund in seine Anfangsmoleküle zerlegt worden. Kristines fadenscheinige Argumente wie zu „eng“, zu „langweilig“ und zu „berechenbar“ hatten gestochen und Wunden hinterlassen. Auch Neid, Lügen sowie begründete Eifersucht hatten für jene empfindlichen Nadelstiche gesorgt, die an der Freundschaft der drei Mädchen gerüttelt hatten – sie benötigten die ersten beiden Schulwochen nach den langen Sommerferien in deren vollen Längen, um wieder einigermaßen zueinander zu finden. Um sich auszusprechen, zu verzeihen, auch um zu vergessen.

Vielleicht hätten sie doch nicht immer zu „sechst“ unterwegs sein sollen?

Zwei Händchen haltende, verliebte Pärchen und ein ziemlich ratloser, enttäuschter Junge, der mit dem verbliebenen sechsten Mädchen gerne ebenfalls eine intensivere Freundschaft als nur „Schachspielen“, „Bahnen-Schwimmen“ und „Ersatz-Einmal-Knutschen-nach-Belieben“ gehabt hätte: Vergebliche Bemühungen, einen lediglich kameradschaftlichen Kontakt zu einer dauerhaften, verlässlichen, engeren und intensiveren Freundschaft auszuweiten.

Krisen gehören dazu. Das hatten die drei Mädchen gelernt. Jetzt redeten sie wieder miteinander; nicht mehr ganz so unkompliziert wie früher, allerdings auch nicht mehr misstrauisch lauernd. Ringsherum Regentropfen: Auf den Blättern am Boden, die der Wind bereits bei seinen ersten Attacken den Bäumen geraubt hatte, schmiegten sie sich aneinander und bildeten so winzige Rinnsale entlang der Blattadern; an den Büschen, Sträuchern und Bäumen hingen die einzelnen Regenglasperlen hingegen kostbar im Gegenlicht der Sonne herab.Auch im Schwabacher Stadtpark hatte die kühlere Jahreszeit deutlich spürbaren Einzug gehalten, und die Menschen hatten darauf sogleich sensibel mit Winterjacken und Schals reagiert; reagiert auf die zunehmende Kälte, die vor allem am Morgen und in den Nachmittagsstunden schon herrschte. Carolins Vater hatte bereits einmal sein Auto freikratzen müssen, während Theas Eltern noch auf Urlaub in Griechenland, Theas eigentlichem Heimatland, weilten. Ein paar Mal war Thea dort gewesen, bei ihren Großeltern und den anderen Verwandten, – aber jetzt Mitte Oktober? Von woher sollten zu diesem Zeitpunkt Ferientage kommen? Thea zuckte die Schultern – sie kam auch alleine zurecht: Tiefkühlpizzen gab es genug. Ein Döner bei Aslan? Oder Einladungen zum Mittagessen bei Kristine, deren Eltern beide im Zustelldienst der Stadtpost beschäftigt waren, und die nach ihrer Dienstzeit gegen 14.00 Uhr stets ein gemeinsames Mittagsmahl pflegten. Oder eine Dose Ravioli, schnell erwärmt im Wasserbad, und Theas Magen knurrte nicht mehr. So einfach war das. So unkompliziert.- Die drei schlenderten gänzlich hinüber zum achteckigen, weiß glänzenden Pavillon. Nachgebauter Rokokostil aus Metall, mit aufgestellten Holzbänken im Inneren, geschützt durch die schrägen Überdachungsdreiecke, die von der Spitze herabstrebten. Eingeschnitzte Herzen und Namen auf den Holzbänken.Trotzdem fühlten sie sich wieder wohl.  Sie hatten vor mehreren Monaten, nämlich im Mai desselben Jahres, Anerkennung erhalten für ihre Tat. Anerkennung der gesamten Bevölkerung, Zeitungsartikel im Schwabacher Tagblatt, Einladungen im Rathaus beim damals frisch gewählten Oberbürgermeister, Herrn Matthias Thürauf, ein Ehrenessen im ehemaligen „Kleinen Griechen“, der nun „Konstantin“ hieß, sowie Gutscheine für Kinokarten im „Luna-Film-Palast“. Danach die schlimme Geschichte mit Dennis. Allerdings überkam zwei der drei Mädchen auch Wehmut, hatten sie als vermeintliches „Six-Pack“ doch vor noch nicht allzu langer Zeit hier im Pavillon gesessen und Zärtlichkeiten ausgetauscht. Aber Genaueres geht niemandem etwas an. Privatsphäre eben. Mit sechzehn hat man ein Recht darauf.  Heute setzten sie sich alleine auf die Holzbänke. Sie blickten sich in die Augen, kurz nur, ganz kurze Seitenblicke, von einer zur anderen und wieder zurück. Das, was sie gestern Nachmittag beschlossen hatten, wollten sie nun in Angriff nehmen, umsetzen, realisieren: Ihr Freundschaftsband sollte nach ihrem Triumph im Frühling und trotz der Unstimmigkeiten und Lügen Ende August für immer besiegelt werden durch einen Pakt der Freundschaft und Anteilnahme, durch einen Bund mit Antizipation für Ungerechtigkeiten und Gefahren: Für andere – nicht für sich selbst – wollten sie die Augen weiterhin offenhalten, so wie beim ersten Mal, und deshalb suchten sie einen passenden Namen für ihre Zusammengehörigkeit, ihre Absichten, für ihren Bund ...

Die drei Mädchen legten die Hände beschwörend ineinander: „Alles vergessen, alles vergessen, wir fangen von vorne an!“

Und Carolin König, von allen wegen ihrer Namensähnlichkeit zu einer legendären amerikanischen Folk- und Rocksängerin von allen kurz „Kingsi“ genannt, fand den Namen schließlich. Nachdem die drei Mädchen Vorschläge wie „Das goldene Kleeblatt“ oder „Drei im Team“ als zu bieder und zu langweilig empfunden – und daher verworfen hatten, schlug „Kingsi“ urplötzlich vor: „Kommt, wir nennen uns von heute an „Das vorausschauende Auge“ !“

Und es wurde blitzartig atemberaubend ruhig im Pavillon ...                                               (Roman:  206 Seiten)

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(aus meinem Buch "Das vorausschauende Auge", 2010, Eigenverlag, Roman für Jugendliche und Erwachsene). Neuauflage im Oktober 2015, 11,50€

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              "flüsterpausen"

 

Vorwort

Lieber Leser,

mit dem vorliegenden Band habe ich mein fünftes Buch verwirklicht. Es hat mir wieder unglaublichen Spaß und Freude bereitet, für Sie, aber auch für mich, Erinnerungen, Gedanken und Gefühle in Sprache einzupacken und sie zu heiterenwie besinnlichen „flüsterpausen“ zusammenzufügen: Zahlreiche Erlebnisse haben in meinem Gedächtnis überdauert; über Jahre hinweg habe ich sie gehortet und verwaltet – nie vergessen –, ehe ich sie abgerufen und in Erzählform zu Papier gebracht habe. Dazu gehören Erlebnisse meiner Kindheit (wie in den Erzählungen „Die Autofahrt zum Tegernsee“ und „Schussern an der Pegnitz“) ebenso wie die ersten, bisweilen noch etwas wackeligen, abenteuerlichen Schritte als Junglehrer (wie in den Erzählungen „Der Lehramtsanwärter“,„Technisches Werken“ undFreitag, 6.Stunde, irgendwann im Sommer 1982“).

Aber meine Geschichten sind nicht durchwegs autobiographisch. So entspringen zahlreiche Erzählungen (wie „Die Begegnung im Winter“, „Finderlohn“, „Engel des Monats“, „Dr. Henfenfeld“) aus Beobachtungen oder gänzlich aus meiner Vorstellungskraft.

Meine Satiren ( „Der Hypochonder“, „Wehe, wenn dich das Alter packt!“, „Schrabbschrabb“) greifen oftmals typisch menschliche Verhaltensweisen auf. Sollte es mir tatsächlich gelingen, Sie durch meine niedergeschriebenen Beobachtungen zum Schmunzeln zu animieren, hätten die Satiren ihr Ziel erreicht.

 

In meinen Gedichten setze ich mich gedanklich mit Gefühlswelten, Beobachtungen, Erlebnissen, eigenen Phantasien sowie den Geschehnissen dieser Welt auseinander: flüsterpause – auf ein wort“ heißt das Titelgedicht, passend zum Buchcover. „Karawanenreise“ – dieses Gedicht ist meiner Frau gewidmet.  Im Gedicht „8.00 Uhr“ stehen das Schulleben sowie meine Schulkinder im Mittelpunkt. Politische Gedichte wie „Die Flucht des Schwanes“, „vogelperspektive“, „titellos“ liegen mir sehr am Herzen.


 Ich wünsche Ihnen, liebe Leser, Lesefreude sowie vergnügliche und besinnliche „flüsterpausen“.

Ihr

Karl-Gustav Hirschmann

 

 

Finderlohn

 

Die Geschäftsstraßen schienen wie leergefegt und der Wind rüttelte heftig an den herabgelassenen Ladengittern. Eine unangenehme Geräuschemixtur aus heiserem Knarren und nagendem Quietschen, untermalt durch aufdringlich heulende, pfeifende Begleitmusik, fegte unaufhörlich durch die Gassen. Menschen strebten hastig einem hell erleuchteten Eingang zu; sie klappten direkt unter den gelben Riesen-Lettern ihre Regenschirme zusammen, die sie zuvor – mehr oder weniger erfolgreich – gegen die Novemberwitterung gestemmt hatten.

Gegenüber schlich ein Katze eng an den Häuserfassaden entlang, sie achtete instinktiv darauf, überdacht zu sein, umkurvte Pfützen und nutzte geschickt, ja zielstrebig, jede sich ihr bietende Ladenlücke, um darin zu verschwinden, nur um ein paar Meter weiter vorne wieder aufzutauchen.

Dort drüben an den 13 Kinokassen im Vorraum, schoben sich die Kinogäste vorwärts; sie lärmten und bezeugten gute Laune, befanden sie sich doch endlich im Trockenen. Sie klopften sich lachend die perlenden Regentropfen aus den Trenchcoats, Anoraks und Winterjacken und begaben sich, nachdem sie ihre Tickets gelöst hatten, hinein ins einladend aufgewärmte Glas-Foyer, setzten sich auf Barhocker, an Bistrotische oder standen einfach in Gruppen zusammen. Sie reichten sich Getränke und Popcorn oder bildeten geordnete Reihen und geduldige Schlangen, die sich erst darum bemühten.

Einige der Besucher hatten einen Stehplatz an der Glaswand ergattern können und spähten angestrengt und neugierig nach draußen. Neugierig darauf, ob das Novemberwetter weiterhin die im Wetterbericht angekündig- ten und bereits begonnenen Kapriolen schlagen würde. Sie berichteten den anderen Gästen lauthals, dass draußen der Sturm noch tobe; peitschend würden Windböen die Regengüsse über den Vorplatz des Kinos jagen –

 

-106-

Regengüsse, die allerdings bereits in Graupel übergegangen wären.

Da haben wir den Salat!“, meinte einer und ein zweiter fügte resignierend hinzu: „Jetzt wird’s tatsächlich Winter!“

War doch so gemeldet“, warf ein Schlaumeier in die Runde.

Jens durchforstete in alle Richtungen den Raum und sein Blick schweifte rastlos umher. Er überprüfte, ob er nicht doch irgendwo ein ihm bekanntes Gesicht ausmachen konnte. Konnte er nicht. Ihm war nach Gesellschaft zumute, obwohl er wusste, dass Gesellschaft vielleicht auch grausam werden würde. Rede und Antwort stehen. Eigentlich war ihm nicht danach.

Ingeborg hatte ihn verlassen. Wo war Jaqueline? Er hatte Angst.

Nun irrte er abends umher. Kino, Theater, Bistro, Weinstube und das ganze Programm von vorne. Tanzschule lehnte er allerdings ab.

Er musste kurzzeitig lächeln, als er an „Rumba“ und „Cha-Cha-Cha“ dachte. Doch dann ergriff ihn wieder jene Beklemmung der inneren Ungewissheit. Heute Abend hatte er sich eine Karte für den „ich-weiß-nicht-was-Film“ im „Happy 13“ gekauft. Die Kasse für diesen Film war frei gewesen, so dass er nicht anstehen musste. Unter Menschen gehen, hatten sie ihm geraten!

Tat er doch!

Ein erster Gong ertönte wie Samt und ein paar Voreilige setzten sich alsbald in Bewegung. Jens schloss sich diesem ersten Strom an.

Im „Happy 3“ lief ein Actionfilm. „Happy 1“ zeigte „Science-Fiction“.

Jens suchte seinen Saal: „Happy 13“. Beim Betreten zeigte er seine Karte und wählte ziemlich weit hinten einen Mittelplatz.

Der Gong ertönte erneut und der Saal begann sich langsam zu füllen. Offenbar hatte an seiner Kasse doch noch später Andrang eingesetzt. Jens nahm dies relativ teilnahmslos zur Kenntnis.

Er haderte, dass sie ihn vor vier Monaten einfach verlassen hatte.

Wegen Jaqueline, behauptete sie.

Er trage die Schuld, meinte sie. An allem. An der ganzen Misere. An dieser quälenden Ungewissheit.

Er hätte nie Zeit gehabt, hatte sie ihn beschimpft, keine Zeit für Jaqueline gehabt.

Wie hätte er dies je abstreiten können? Ich habe gekämpft um die Aufträge, hatte er geantwortet, Hartz-4 vermieden, ja gemeistert, wurde er wütend, was soll ich sonst noch machen, ich kann mich doch schließlich nicht um alles kümmern, hatte er sie angeschrien und dann hatte er die Hand erhoben.

Tut mir leid“, hatte er geflüstert, „wollte ich nicht“, entschuldigte er sich, „habe doch nicht zugeschlagen“, rechtfertigte er sich.

Sie hatte nur gelacht, hysterisch gelacht, so als ob sie nur darauf gewartet hätte, einen Grund zu haben, sich davonzumachen, aufzugeben, ihn im Stich zu lassen.

Seine Sichtweise. Wusste er. Er kannte auch die ihre:

Keine Verantwortung übernehmen für die Erziehung. Vorwurf. Sich ausblenden aus den schulischen Anforderungen. Vorwurf. Selbst die Wochenenden verplanen durch Schwarzarbeit. Bäume fällen. Woanders. In fremden Gärten. Und unser Garten? Verwahrlost. Vorwurf. Vorwurf. Vorwurf. Vorwürfe. Ich die Bepflanzung, du den Rasen und ein wenig ausschneiden und die Abfälle weg. Das war ausgemacht. Ist das denn zu viel verlangt? Vorwurf. Das ist doch nicht zu viel verlangt. Glaubst du, dass das zu viel verlangt ist?

Die Generalabrechnung. Und weiter:

Warum glaubst du, ist Jaqueline weg? Weißt du, wo sie ist? Wie lange hast du sie gesucht, sag´ schon? Zwei Tage, drei Tage. Einen Monat? Was ist schon ein Monat? Tag und Nacht hättest du sie suchen müssen!“

Und du“, hatte Jens geantwortet, „was hast du unternommen? Bist du ihr etwa nachgefahren nach Amsterdam, woher die erste Karte kam, oder dann nach Barcelona, woher die nächste Karte kam?

Warum bist du nicht nach Marrakesch geflogen?“, hatte sie entgegnet.

Wie war Jaqueline überhaupt dorthin gekommen? Die Karte war auf den 14. September datiert gewesen. Marokkanische Briefmarken und ein echter Stempel. Ansonsten war sie leer gewesen. Keine Nachricht darauf. Kein einziger geschriebener Buchstabe. Kein „mir geht es gut“ oder „mir geht es schlecht“. Luftleerer Raum auf Glanzsichtpapier. Irgendein Bauwerk mit Mosaiken.

Was wollte sie in Marrakesch? Gut, er hatte versagt. Aber eine „Ich-AG“ muss einsatzbereit sein. Tag und Nacht. Samstags wie sonntags, hatte er gesagt.

Eine Ehe ist doch keine „Ich-AG“, hatte sie geantwortet, „immer musste ich mich allein um Jaquelines Seelenleben kümmern. Denk´ doch bloß mal nach, wer ihr geholfen hat, als Sven mit ihr Schluss gemacht hat? Wer hat sie in den Arm genommen? Wer hat sie getröstet? Wer hat versucht, ihr neuen Mut zu geben? Wer hat sich überhaupt darüber Gedanken gemacht? Du nicht!“

Sie konnte einem das Wort im Munde umdrehen. Eine ihrer Stärken.

Der Film hatte begonnen.

Kurze Zeit später schaltete Jens völlig ab: Der Film („Tintenherz“?????) interessierte ihn nicht im geringsten. Ok. Tintenherz,Tintenherz, Tintenherz. Er hieß so.

Eigener Schmerz.

Jens wälzte sich auf seinem Sitz unruhig hin und her. Gehen wollte er nicht.

Gesellschaft ist immerhin schöner als alleine ziellos durch die Straßen zu ziehen. Selbst wenn sich da vorne nur einer räuspern würde. Immer noch angenehmer. Lebendiger.

Jens schloss die Augen und ertrug die Dialoge.

Wo Jaqueline wohl gerade sein mochte? Immer noch in Marrakesch? 

Sie hatten die Polizei eingeschaltet und man suchte sie dort. Überall suchte man das Mädchen wahrscheinlich. An jeder Grenze. An jedem Flughafen. An jedem Bahnhof?

Vielleicht war seine Tochter längst zurück gewesen, noch ehe die Suchmaschinerie eingesetzt hatte?

Aber warum hatte sie sich dann nicht gemeldet? Nahm sie etwa Drogen? Tausendfach hatten Ingeborg und er dieses Thema diskutiert, seit sie wussten, dass ihre Tochter offenbar in Marokko weilte.

War Ingeborg ihr etwa doch nachgereist? Wo hielt sich Ingeborg auf?

Der Kontakt war abgebrochen.

Zuhause war Ingeborg jedenfalls nicht.

Er hatte ein paar Mal angerufen und abends vorbeigeschaut. Es brannte kein Licht. Es meldete sich niemand.

Jens weilte seit der Trennung in der Gartenkolonie. Dort hatten Ingeborg und er seit vielen Jahren ein Gartenhäuschen angemietet. Mit Wasser und Strom. Mit Heizlüfter.

Sie hatten ihm genehmigt, dort den Winter zu verbringen. Ausnahmsweise.

Weil du es bist."

Seine Freunde fragten beständig: "Wo ist Ingeborg? Habt ihr gar keinen Kontakt mehr?“

Kopfschütteln.

Auf beiden Seiten. Auf allen Seiten.

Er hatte Ingeborg das Haus überlassen.

Ihr müsst doch zusammenhalten. Schon wegen Jaqueline. Mein Gott, sie ist doch erst siebzehn. Weiß Gott, an wen sie gerät? Wie könnt ihr euch in so einer Situation auch noch zerstreiten? Habt ihr noch keinen Hinweis, wo sie ist? Wie ertragt ihr nur diese Ungewissheit?“

So redeten die anderen. Freunde. Verwandte. Fremde.

Er wäre doch geblieben, er hatte nicht zugeschlagen, nur gedroht, nur ausgeholt und dann zurückgezogen. Niemals hatte und hätte er das getan.

Affekt? Im Affekt? Hätte ich es irgendwann im Affekt getan?

Nein, er schüttelte den Kopf. Hatte er etwa ein „Tintenherz“? Hatte er überhaupt ein Herz?

Habe ich überhaupt ein Herz?

Schlussakkorde. Lichtschimmer krabbelten sanft an den Wänden hoch.

Scharrende Geräusche. Aufbruch und Abschied von „Tintenherz“.

Jens hingegen verweilte, bis sich der Saal restlos geleert hatte. Endlich befand er sich alleine im Raum. Er stand auf, zog seinen Anorak an und seufzte. Wohin jetzt? Ein Bier trinken. Irgendwo? Bis irgendwann? Mit irgendwem? Vielleicht. Vielleicht auch nicht? Vielleicht allein. Keine Ahnung. Wann würde die Angst wiederkehren?

Sofort meldete sie sich.

Er glitt seine Reihe ohne Eile entlang. Warum sollte ich es auch eilig haben? Er zuckte die Schultern leicht während seines Selbstgespräches.

Sein linker Fuß streifte einen Gegenstand am Boden. Unvermittelt bückte er sich und langte hinab. Seine Finger ertasteten und ergatterten einen großen Briefumschlag, den diese zielstrebig nach oben hievten.

Es stand kein Name darauf und er riss ihn sogleich auf.

Er schüttelte das Kuvert ein wenig und langte hinein. Sofort fühlte er es an der Größe und am gezackten Bart, dass dies ein Schließfachschlüssel sein musste. Er holte diesen heraus, betrachtete ihn eine Zeitlang unschlüssig und steckte ihn schließlich sorgsam in die Hosentasche. Mit der Hand fuhr er sich nervös und etwas hektisch von außen über die Hosentasche und überprüfte so, ob sich der Schlüssel noch darin befand. Tat er. Nun blickte er in den Umschlag hinein. Innen befand sich ein Zettel.

Er holte ihn heraus und begann im Halbdunkel zu lesen.

Lieber Finder!

Du musst nicht nach mir forschen oder suchen! Du musst den Schlüssel auf keinem Fundbüro abgeben. Es besteht kein Grund dazu. Ich werde nicht wiederkommen. Ich vermache dir den Inhalt meines Schließfaches. Hauptbahnhof Nürnberg. Schließfach 91.“

Mehr nicht.

Jens hetzte hinaus und seine Hand befühlte das kalte Stück Metall in seiner Hosentasche dabei nahezu ohne Unterlass. Was war zu tun? Was war im Schließfach?

Er befand sich im Glas-Foyer, wo reger Betrieb herrschte. Jens setzte sich auf einen Barhocker, bestellte ein Bier, trank es hastig und überlegte. Der Umschlag enthielt eine eindeutige Handlungsanweisung und er war der Finder. Ein ehrlicher Finder, wie er meinte, wie er wusste. Denn der Wunsch des Schließfachbesitzers war wohl formuliert, er lautete eindeutig und ließ keinerlei Zweifel der Interpretation zu.

Jens zahlte und beschloss, zum Bahnhof zu laufen.

Draußen hatten sich die Graupelschauer tatsächlich in ein dickflockiges Schneegestöber zurückverwandelt. Jens stapfte auf dem dünnen, weißen, weichen Teppich entlang.

Er hastete vorwärts, kurze Zeit später bog er zu den Rolltreppen ab und bald darauf betrat er das graue Gebäude.

Durchschnaufen. Den Gang suchen. Er folgte den Schildern, bog nach links ab und befand sich sogleich in dem Raum mit den silbernen Fächern. „Schließfach 91“ war rasch entdeckt. Hastig zerrte er den Schlüssel aus der Hosentasche. Er zitterte voller Anspannung und innerer Erregung, als er das Fach aufklappte. Ins Dunkel hineintasten. Ein weiterer, diesmal dickerer Umschlag. Er holte ihn heraus. Er war zugeklebt und sorgsam verschnürt. Aufreißen ging nicht. Er packte seinen eigenen Schlüsselbund und versuchte, die dicke Paketschnur zu durchtrennen, was misslang.

Danach probierte er es mit den Zähnen. Die dicken Knoten leisteten zunächst erheblichen Widerstand, lösten sich aber nach einiger Zeit. Jens öffnete den Umschlag vorsichtig. Dann langte er neugierig hinein und fühlte ausgiebig: Papier!

Tatsächlich, er hatte sich beim ersten Ertasten nicht getäuscht: Seine rechte Hand beförderte ein ganzes Bündel loser Blätter ans Tageslicht. Sie trugen Computerschrift. Er blätterte vorsichtig darin und begann zu lesen:

 

Finderlohn

Die Geschäftsstraßen schienen wie leergefegt und der Wind rüttelte heftig an den herabgelassenen Ladengittern. Eine unangenehme Geräuschemixtur aus heiserem Knarren und nagendem Quietschen, untermalt durch hässlich heulende, pfeifende Begleitmusik, fegte unaufhörlich durch die Gassen. Menschen strebten hastig einem hell erleuchteten Eingang zu; sie klappten direkt unter den gelben Riesen-Lettern ihre Regenschirme zusammen, die sie zuvor – mehr oder weniger erfolgreich – gegen die Novemberwitterung gestemmt hatten.

Gegenüber schlich ein Katze eng an den Häuserfassaden entlang, sie achtete instinktiv darauf, überdacht zu sein, umkurvte Pfützen und nutzte geschickt, ja zielstrebig, jede sich ihr bietende Ladenlücke, um darin zu verschwinden, nur um ein paar Meter weiter vorne wieder aufzutauchen...

 

Enttäuscht blätterte er weiter.

Geschichten, ein angefangener Roman, zahllose Gedichte.

Ein ganzes Manuskript!

Irgendwo dazwischen lag ein Brief. Er öffnete diesen. Eine klare Handschrift erwartete ihn.

 

Lieber Finder“,

ich schreibe keine Geschichten und Gedichte mehr. Ich vermache sie dir. Vielleicht hast du ja mehr Erfolg als ich! Viel Glück!“

 

Kein Name – keine Adresse. Nichts. Rein gar nichts.

Jens war fassunglos. Was sollte er mit all dem getexteten Müll?

 

Wut und Enttäuschung machten sich in ihm breit. Da hatte ihn jemand offenbar ganz gehörig auf den Arm genommen: Was sollte das Ganze? Ein Witz! Völlig wertlose Papierfetzen. Schade um die Druckerfarbe! Und dafür war er extra hergelaufen!

Da klopfte ihm jemand sanft auf die Schultern.

Jens fuhr herum und erschrak.

Jaqueline!

Sie stand direkt vor ihm und lachte ihn an.

Bin wieder daheim, Paps!“, sagte sie nur.

 

(aus dem Buch "flüsterpausen)

 

 

 

 

 

Där Schorschi unser Moolermasder

 

Där Schorschi unser Moolermasder

där woar aff am ganz haaßn Bflasder:

Balermo woar sei Urlaubsord:

Balermo – und sei Geld woar ford!

 

Där Schorschi woar dou ned verleeng

im Urlaub hodders gern begweem

nou hodder hald an Schegg ausgschdelld:

Noch drei Dooch homm däi aanu gfähld!

 

Där Schorschi unser Moolermasder

där hodd asuu aweng sei Lasder:

Wäier nou sichd – edds läffd nix mehr

hodder a gnouch ghabbd vo dem Meer

nou hoddern baggd sein Riggfluuchschein

gäihd nei in Fliecher– lääsdnern ei

nix wäi hamm hodder si dengd

doch wäis suoffd is Schiggsool lengd

woarn seine Kuffer in Shanghai

där Schorschi woar dou ned dabei!

 

Där Schorschi unser Moolermasder

is hammdrämbbd midd am groußn Lasder

ka Geld, ka Kuffer und ka Gligg

suu kummd is arme Schorschla zrigg

wäi er nou in sei Schdrass neibäichd

und iich wass gwiiß, dass där ned läichd –

hodder di Iiberraschung gsehng

nou woarer doch aweng verleeng:

Där Schorschi unser Moolermasder

där woar aaf am ganz haaßn Bflasder

Balermo woar sei Urlaubsord

edds häärsd sein Schrei:

Allmäääääächd! Mei BMW is ford!“

 

 

Zwaa Raddsn

 

Zwaa Raddsn dreffn si drundn an där Bängnards aff där Liebesinsl.

Kumm, demma aweng schmusn!“, sachd is Raddsnmännla zu seim Raddsnweibla.

Naa – iich mächerd scho schmusn – obber iich draumi ned!“, sachd is Raddsnwaibla zu seim Raddsnmännla.

Du bisd fei a schäiner Angsdhoos, worum drausdiner ned, glanns Schneggla, glanns?“,froochd is Männla nooch.

Wall iich aweng a Angsd hobb!“, maand is Waibla.

Wouvuur willsdnern du schowidder Angsd hoom, Angsdschisserla?“, wärd där Radds schäi langsam

ungeduldich, „edds kännmer si scho zwaa Wuchn!“

Däs verschdäihsd du ned“, jammerd is Waibla.

Nou demma hald blouß aweng boodn, du Greinmeicherla?“, schlächd is Männla vuur. „Machmer wenigsdns FKK!“

Naa – ich mächerd scho gern naggerd boodn – obber iich draumi schowidder ned!“, maand is Waibla.

Wouvuur hosddnern edds schowidder Angsd, mei schäins Zuggerbibbla?“

Dou wärd is Waibla ganz verleeng und schaud ihrm Raddsn ganz däif in di Aung nei:

No vuur di Raddsn!“

 

aus dem Büchlein "Walls worschd is!" 8,90€

 

Gsachd is gsachd

 

Däs koosd hunderdmool zriggnehma

naa, dou hilfder alles nix

alles, wosd edds nu sagsd

is völlich fiär di Kadds

wall gsachd is gsachd

und su wäisders gsachd hosdd

hosdders aa gmaand

und wäisders gmaand hosdd

hosdders aa gsachd

däs häsdder scho vurher iiberleeng mäin

wosd soong willsd

und wosd besser ned sagsd

und wäisders maaner dousd

wosd soong häsdd wolln

und ned ärschd nachherdla daherkumma

wennsders scho gsachd hosdd

und bläddsli oohgschlichn kumma

wäi sua reidicher Hund

und si bläid eischleima wolln

wall däs läffd ned

däs soochider:

Wall gsachd is gsachd!“

 

A halbe Schdund schbäder (unsere gutmütige fränkische Seele meldet sich):

Kumm,

sämmer hald widder

goud middnander!

Du wärsders scho ned grood suu gmaand hoom

wäisders vurhin gsachd hosdd, odder?“

(aus meinem Buch "Gsachd is gsachd!")

 

 

 

Dou gibbds doch goar kan Baggers ned!

 

Vuurword

 

Eddasadla is endli widder suweid!

Endli! Däs dridde Bouch mit meine „Fränggischn Gschichdla und Gedichdla“ lichd fiär eich bereid! Miär hodds widder unheimli vüll Schbass gmachd, zwaa Joahr lang aff „fränggisch“ zu reima und zu schreim. Freili därfder widder ned alles doudernsd nehma, wos iich dou zammdroong hobb.

Abber miär Franggn bringa ja ofd a goude Borddsion Humor midd – masdns jäidenfalls! Manchmool aa ned!

Manchmool is di Fandasie aa widder midd miär durchganga und iich hobbs durchgäih loun wäi an Gaul, där aafach schdiffdn ganga is. Iich hobb nix abgwärchd vo meine Ideen – a wenn manchmool aweng a Gschmarri rauskumma is. Suu wäi beim erschdn Dexdla!

Abber dou moussd durch, wennsd däs Bouch kaafn dousd – wovuur i eicherdli ausgäih!

Wall suvüll Lachn aff „fränggisch“ gräichsd ned jäidn Dooch servierd! Glaab mers!

Hoffendli gfälld eich also mei dridds Büchla widder genausu goud wäi mei „Walls worschd is!“ und mei „Gsachd is gsachd!“

 

Also blädderd ruhich weider!

Vom „Gliggsridder“ iibern „Bleidegeier“ bis nieber zum „Ridder Ebbelein“, iibern „Christkindlersmarggd“, naus zu unserm schäina „Clubb“ und hammwärds widder iibern „Nämbercher Boahnhuuf“ zrigg zum „Giecherlasbruddsler“, zum „Sofd-Eis und di Hodd-Dogs“ und zu di „Drei Broadwärschd midd Graud“ is doodsächli widder alles midd drin, wos uns Franggn goud doud! Und wenn ned?

Nou schdäihds woahrscheinli in meine zwaa erschdn Büchla drin.

Herzlichsd

Euer Karl-Gustav Hirschmann

 

 

 

Gliggsridder

 

Gligg is wennsd di Bollizei

nu vuurm Bliddsn sixd wäis fei

sich in am glann Wald verschdeggn:

Nou koosd midd där Zunga bleggn!

Nou gäihsd rou vom Gas und bremsd

wallsd di fiär di hunderd schäämsd

achzich woarn dou vorn erlaubd

wemmer denna Schildla glaubd!

 

Nou gloddsd naus und dräihsd a Noasn

fiär di ganze Bullnbloasn

achzich hosdd groad nu därbremsd

wennsd eddsadla nu leesn kännsd

wäärsd edds wergli subber gween

nou häsdd däs Schildla sechzich gseehng!

 

Roud bliddsds aff där rechdn Seidn

däs koo i iiberhadds ned leidn

dou vorna schdäihd a Moh und winggd

und sei roude Kelln däi blinggd

däs koo doch blouß a Drämbber sei:

Am besdn is iich foahr vorbei!

 

Doch däs gäihd ned wall där Moh

gäihd ned vo där Schdrassn rou

naa där schdelld si middn nei

wärd doch ka Selbsdmörder sei?

Naa, sei Kelln däi winggd scho widder

roud und iich waaß edds wärds bidder

wall midd solche gräina Müddsn

dänna blouß di Bulln roud bliddsn.

 

Iich foahr naus und hald rechds ooh

häng mein Rüssl naus zum Moh

und frooch freindli wos er will

doch iich hobb a saubläids Gfühl

iich häär wäi där lachd und belld:

Bou, däs kosd a Schdanga Geld!

Vieraneinzg bisd gfoahrn schdadd sechzich

und däs därfsd mer glaam däs rächd si!

Gligg is wennsd dein Schein behäldsd

nou koosd jubeln: Godd vergelds!“

 

Edds willer mei Babiere sehng

däi liieng dahamm wern zum Brobleem

nou sullin Reddungswesdla bringa

däi hobbi nedd – wer brauchd däi Dinger?

Is Warndreiegg hobbi vergessn

bei anner Banna kurz vuur „Essen“

där Nodfall-Kuffer fehld mer gladd

dou woar sugor där Bulle bladd

und graddsd si hinderm Kubbf und lachd:

Miär homm blouß Faschingsscherzla gmachd

 

drum kumm goud hamm Bou und Goud Nachd!“

 

Edds wachi aaf vuur lauder Lachn

wer glaabdnern a scho solche Sachn

iich bin im Draum „Gliggsridder“ gween

und Bou där Draum woar angenehm!

 

Clubbfän

 

Gemma Schnorchln in Ägübbdn

odder foahr mer nach Shanghai

is aans su gloar wäi Gloußbräih:

Unser Clubb is midd dabei!

 

Gemma Schifoahrn in St. Moritz

odder fläihng mer nach Dubai

gibbds ibberhabbds kan Baggers:

Unser Clubb is midd dabei!

 

Gemma Wandern im Grand Canyon

odder sörf mer aff Hawaii

hommer kan Grund zu jammern

wall unser Clubb is midd dabei!

 

 

Mei Clubbschoal lichd im Kuffer

vom Marek is Drikoo

vom Schäferla di Händscher

vom Pinola di Schouh

und di Erinnerunga

kummer vu ganz allaans:

Mensch woar däs schäi midd denna

däi alle vo uns kenna!

 

In Strehl hommer vuur Augn

där Morlock schläächd an Bass

där Cebinac schwanzd alle

und machd di Gechner nass

in Weyerich sei Gräädschn

in Nüssing sei schäins Dor

nix davuu hommer vergessn

s´kummd mer wäi gesdern vuur.

Där Wabra häld an Elfer

där Stocker fläichd vom Bladds

där Schorschla midd seim Solo

ssd alle schdäih – radds fadds

där Brungs schraubd si in Himmel

und käbbfd di Dinger nei

där Reisch als Middlläufer

rennd: Iich woar live dabei!

 

Und schbring mer middm Fallschirm

iiber Färddh im Ausland nou

nou sing mer unser Clubblied

Di Legende lebd“ dazou!

 

 

 


 


schieflage

 

sieh die welt bricht aus den fugen

die jahrzehntelang gepflegt

bündnisse vertrauensschlüsse

werden vom asphalt gefegt!

 

england wählt sich selbst den tod

brexitwirtschaftsatemnot

frankreich rückt nach rechts wie blind

wenn Le Pen die Wahl gewinnt

türkei wird erdrückt zermürbt

vom diktator totgewürgt

syrien wird untergehen

assad wird als sieger stehen

in geschichtsbüchern - welch´ schande

nicht als fußnote am rande

putin hofiert randdespoten

die die freiheit auch verboten

trump lässt eine mauer bauen

raubt dem westen das vertrauen

an die allianz all´ der staaten

die demokratie vertraten

voller hingabe und herz

voller stolz und manchem schmerz!

 

plötzlich soll das alles enden

plötzlich soll das blatt sich wenden

plötzlich wird die macht zerstört

die allein dem volk gehört

von einer handvoll schanddespoten

von einer handvoll idioten ...

 

aus "Traumreisen"

 

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